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Riester-Rente
Fondssparplan muss wegen Corona Reißleine ziehen

Kunden des Berliner Finanz-Start-up Fairr müssen massive Eingriffe bei Riester-Fondssparplänen hinnehmen. Im Zuge des Coronacrashs wurden für sie vorläufig alle Aktien verkauft. Was dahintersteckt.

23.03.2020 | von Niklas Hoyer

Der Coronacrash hat Auswirkungen: Aus den Depots der Riester-Fondssparer von Fairr wurden alle Fondsanteile verkauft.
Quelle: PR

Noch im vergangenen Frühjahr vermeldete das auf Altersvorsorge spezialisierte Berliner Start-up Fairr eine große Veränderung: Der europäische Fintech-Spezialist Raisin übernahm das junge und aufstrebende Berliner Unternehmen. Für Bestandskunden sollte aber alles weitgehend weiterlaufen wie gehabt.

Nun sorgte die Coronakrise indes doch für große Veränderungen – unabhängig vom neuen Eigentümer des Start-ups. Und was für welche!

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Aus den Depots der Riester-Fondssparer von Fairr wurden alle Fondsanteile verkauft. Das Geld wurde komplett in Cash umgeschichtet. Kunden konnten es beim Online-Zugriff auf ihre Depots anfangs kaum glauben. Erst am vergangenen Freitag wurden sie in einer E-Mail informiert: „Eine verlässliche Risikomodellierung ist unter den derzeitigen Ausnahmebedingungen nicht möglich“, hieß es in den Schreiben, die die WirtschaftsWoche einsehen konnte. Daher sei die Entscheidung getroffen worden, „dass in der derzeitigen Phase mit großen Marktschwankungen im Rahmen des aufsichtsrechtlich vorgeschriebenen Risikomanagements das Risiko minimiert wird. Im Sinne der Risikosteuerung wurde deshalb zunächst aus den Aktienmärkten in Cash umgeschichtet, bis besser kalkulierbare Parameter wieder eine tragfähige Risikomodellierung ermöglichen.“ Der Verkauf der Aktien-ETFs erfolgte am 12. März.

Der Riester-Fondssparplan ist das Kernprodukt von Fairr. Bei solchen Fondssparplänen zahlen Kunden monatlich Geld ein, das vor allem in Aktien, aber auch festverzinsliche Wertpapiere (Anleihen) fließt. Ab Ruhestandsbeginn fließt dann eine lebenslange Rente. Obendrauf gibt es die staatliche Förderung nach den Riester-Regeln.

Auch andere Anbieter, wie DWS und Union Investment, bieten derartige Sparpläne an. Sie gerieten in den letzten Jahren aber in gewisse Schwierigkeiten. Bei Riester-Renten müssen die Anbieter garantieren, dass zu Ruhestandsbeginn wenigstens die Summe aus eigenen Einzahlungen der Kunden und staatlichen Zulagen erhalten ist (Beitragsgarantie). Sind die festen Zinsen bei Anleihen aber extrem niedrig oder sogar negativ wie derzeit, ist es schwierig, diese Garantie auch bei größeren Investments in schwankungsanfälligere Aktien sicher einhalten zu können. Oft lagen die Aktienquoten von Riester-Fondssparern daher deutlich niedriger als von ihnen eigentlich erwünscht: Gerade Aktien sollten ihnen erhoffte Renditechancen bringen, von denen sie in der Praxis nun aber kaum profitieren konnten.

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Schon vor Jahren hatten Verbraucherschützer Zweifel angemeldet, ob das feste Ablaufmanagement von Fairr auch in Krisenzeiten durchgehalten werden könne.
Quelle: Presse

Der Sparplan von Fairr war hier eine Ausnahme. Er zeichnete sich bislang durch vergleichsweise niedrige Kosten (mit einer Renditeminderung durch Kosten von nur rund einem Prozentpunkt über 30 Jahre laut Musterproduktinformationsblatt) und vor allem eine sehr hohe Aktienquote aus. Noch 20 Jahre vor Auszahlungsbeginn sollte das Geld der Sparer zu 100 Prozent in Aktien investiert sein, über kostengünstige Indexfonds. Zehn Jahre vor Rentenbeginn hätte die Aktienquote laut den Plänen vor den aktuellen Umschichtungen bei 45 Prozent gelegen. Diese Quoten sollten für die Kunden gleich sein, jeweils nur in Abhängigkeit der verbleibenden Zeit bis zum Auszahlungsbeginn. Für Depotverwaltung und auch für die Absicherung der Beitragsgarantie ist bei Fairr die Hamburger Sutor Bank, eine Privatbank, zuständig.

Schon vor Jahren hatten Verbraucherschützer Zweifel angemeldet, ob das feste Ablaufmanagement von Fairr auch in Krisenzeiten durchgehalten werden könne. Zu ihnen zählte Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Er sagt nun: „Das Risiko war absehbar und sein Eintritt nur eine Frage der Zeit. Es muss sich nun zeigen, ob die Sutor Bank für die Garantie in allen Depots geradestehen kann und wird.“ Kurzfristig stelle sich ein anderes Problem: „Wieder müssen viele Sparer damit rechnen, dass ihre Aktienfonds zu Crash-Kursen in Rentenfonds getauscht werden und dass sie an einer späteren Erholung der Aktienmärkte nicht mehr teilhaben.“

Schon im Zuge der Finanzkrise, 2009, war bei anderen Riester-Fondssparplänen, etwa bei DWS und Union Investment, Geld nahe an Börsentiefstständen von Aktien in Anleihen umgeschichtet worden. Auch hier war der Grund die Beitragsgarantie: Die Anbieter hatten Sorge, den garantierten Beitragserhalt sonst nicht sicherstellen zu können.

Alexander Kihm, Head of Pension Products bei Fairr, bestätigte auf Anfrage die Umschichtung. Betroffen seien alle Kundenportfolios gleichermaßen. Sobald die Kalkulierbarkeit an de Märkten wiederhergestellt sei, Aktien weniger stark schwankten und die Zinsstruktur besser planbar sei, sollte aber „selbstverständlich ein Wiedereinstieg“ erfolgen. „Aber wann das ist, können Ihnen nur die Leute sagen, die jetzt auch genau wissen, dass die Kurse morgen wieder steigen“, sagt Kihm.

Verbraucherschützer Nauhauser rät betroffenen Kunden nun erst einmal abzuwarten. Es könne sich aber mittelfristig als sinnvoll herausstellen, womöglich in einen ungeförderten ETF-Sparplan zu wechseln. Hier besteht nicht das Risiko, wegen der Beitragsgarantie aus Aktien herausgedrängt zu werden. Auch eine Beitragsfreistellung könne sich anbieten, wenn der Vertrag selbst wegen der bestehenden Beitragsgarantie im aktuellen Umfeld und nach den erlittenen Verlusten nun interessant ist. Eine Alternative sei der Vertragswechsel – hier verlieren allerdings Kunden die Kapitalerhaltsgarantie und nehmen die aufgelaufenen Verluste hin, haben dafür aber wieder die Chance auf höhere Aktienquoten.

Ein Trost bleibt den Fairr-Kunden: Sollten die Kurse an den Aktienmärkten im Zuge der Coronakrise weiter fallen, wäre ihr Geld nun erst einmal in Sicherheit gebracht. Diese Entscheidung durften sie allerdings nicht selbst treffen.

Mehr zum Thema: Der Coronacrash hat in kurzer Zeit so viel Geld vernichtet wie nie zuvor. Doch es gibt immer wieder Erholungsphasen. Anleger können diese nutzen, um das eigene Wertpapierdepot auf eine stabilere Basis zu stellen.

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