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Geopolitik
Memo ans Management: Die Zeiten einer globalisierten Wirtschaft sind vorbei

Gerade deutsche Konzerne mit ihren weltumspannenden Geschäftsmodellen geraten zwischen die Fronten der Geopolitik. Umso wichtiger sind Strategien, um unternehmerisch handlungsfähig zu bleiben.

20.08.2022 | Gastbeitrag von Oliver Hermes

Quelle: imago images

Wenn Politiker in den heutigen Tagen von der „Zeitenwende“ sprechen, meinen sie in der Regel eine geopolitische oder eine historische Zeitenwende, die durch den Überfall Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 markiert wird. Gewalt und Leid sind erschütternd und verdienen all unser Mitgefühl und unsere Hilfe. Schwierige Zeiten stellen sicher geglaubte Gewissheiten infrage. Wir erleben eine Phase, die von wachsenden Spannungen, Abspaltung, Autarkiebestrebungen und von Protektionismus bis hin zu Krieg gekennzeichnet ist. Als Folge der geopolitischen Zeitenwende sind wir auch Zeugen einer geoökonomischen Zeitenwende.

Außenwirtschaftlich bleibt zu allem Übel Folgendes festzuhalten: 30 Jahre Hyperglobalisierung sind ganz gewiss vorbei. Stattdessen treibt das Schreckgespenst des „Decoupling“ nun auf allen Kontinenten sein Unwesen. In all seinen Ausprägungen bedeutet dieses Abkoppeln, dass multinationale Kooperationen stärker abnehmen, Allianzen bröckeln, wirtschaftliche Brücken zwischen Staaten und politischen Systemen bewusst und geopolitisch gewollt eingerissen werden.

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Handelsbarrieren, Sanktionen, Technologieembargos und eine aus politischen Gründen eingeleitete Entkopplung von Lieferketten haben jedoch vielfach deutlich unterschätzte negative Folgen für die Weltwirtschaft. Hierbei wird häufig in der politischen Sphäre vergessen, dass es eine absolute Unabhängigkeit von Volkswirtschaften mit komplexen Systemen nicht gibt und auch niemals geben kann. Wir können schlichtweg nicht alles national oder regional selbst machen.

Zum Autor

Oliver Hermes

Oliver Hermes ist Vorstandsvorsitzender der Wilo Gruppe, Kuratoriumsmitglied der Stiftung Familienunternehmen und Exchef des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft.

Nichtsdestotrotz geraten mehr und mehr Unternehmen zwischen die Fronten. Die globale Machtkonkurrenz zwischen den USA, Russland und China ist dabei der zentrale geostrategische Konflikt. Die dazwischen liegenden Staaten, die sogenannten „Sandwich-Staaten“ in Europa und der Pazifikregion, müssen ihre Chancen und Risiken in diesem Spannungsfeld neu ausloten. Dies gilt auch für die wirtschaftlichen Akteure. Sicher ist: Eine Entflechtung globaler Handelsströme würde enorme Effizienzverluste und damit Wohlstandsverluste mit sich bringen. Das Geschäftsmodell der EU, vor allem das der Bundesrepublik Deutschland und damit unsere Arbeitsplätze und unser aller Wohlstand, basieren nun einmal auf Globalisierung und Multilateralismus.

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Wie kann es weitergehen? Einen Ausweg aus dem „Decoupling“-Dilemma für Unternehmen stellen intelligent gesteuerte regionale Investitionen oder eben Desinvestitionen dar. Hierzu sind von global agierenden Unternehmen die strategischen Handlungsalternativen in den wichtigsten Märkten neu zu beleuchten. Es gilt die Frage zu beantworten, welche gegenwärtige Stellung und zukünftigen Potenziale eine einzelne Region oder ein Land differenziert nach Beschaffungs- und Absatzmärkten hat.

In Bezug auf sich entkoppelnde Länder, in denen global aufgestellte Unternehmen relativ wenig Markt- und Umsatzanteile haben und aus denen gleichzeitig wenig beschafft wird, sollte eine Desinvestition in Betracht gezogen werden. Dies gilt insbesondere dann, wenn aus den Geschäftsaktivitäten in einem dieser Länder dem Unternehmen Reputationsrisiken entstehen.

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Bestehen auf der Unternehmensbeschaffungsseite zu sich entkoppelnden Ländern und Regionen Abhängigkeiten, dann sind Alternativen kurzfristig aufzubauen. Eine Diversifizierung der Bezugsquellen ist beschleunigt geboten – so wie es gerade bei der Abkehr von russischem Pipelinegas passiert. Viele Maßnahmen der politischen Akteure sind nun darauf ausgerichtet, diese selbst verursachten strategischen Fehler schnellstmöglich zu korrigieren.

Ist für ein Unternehmen lediglich der Absatzmarkt in einem sich entflechtenden Land von hoher Wichtigkeit und noch keine Produktionsstätte vorhanden, sind unter Umständen gezielte Investitionen in die Lokalisierung der Aktivitäten vorzunehmen. Die Wertschöpfung vor Ort ist hierbei immer häufiger neu aufzubauen.

Streben einzelne Regionen und Staaten ökonomische Souveränität beispielsweise in Bezug auf kritische Infrastrukturen an und ist sowohl der Beschaffungsmarkt als auch der Absatzmarkt von hoher Wichtigkeit für ein Unternehmen, so ist gegebenenfalls die eigene bereits vorhandene Wertschöpfungskette regional zu stärken. Es werden „local-for-local“ – also im sich entkoppelnden Land selbst – diejenigen Rohstoffe und Vorprodukte vor Ort beschafft, die zur lokalen Produktion und Befriedigung der landesspezifischen Marktbedürfnisse erforderlich sind. Dies schafft einen hohen Grad an Autonomie und eröffnet mehrere strategische Handlungsalternativen.

Es bleibt jedoch dabei: Die ökonomische Blockbildung ist ein gefährlicher geopolitischer Brandbeschleuniger. Mehr Kooperation, Handel und Austausch in all seinen Ausprägungen erhöhen dagegen ökonomische Abhängigkeiten, Verflechtungen und die Kompromissbereitschaft – und tragen so potenziell zur Deeskalation bei.

Wir sollten eine verantwortungsvolle Koexistenz der diversen politischen Systeme auf unserem Globus entwickeln. Ist die Weltwirtschaft erst einmal – politisch gewollt – entlang der Macht- und Militärblöcke weitestgehend entkoppelt, wird die Führbarkeit von Kriegen erleichtert. Und auch das ist alles andere als erstrebenswert.

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