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Katholische Kirche
Weniger Gläubige, aber immer mehr Geld

Die katholische Kirche verkündete neue Rekorde bei den Kirchenaustritten - mal wieder. Droht der katholischen Kirche also die Pleite wegen ausbleibender Kirchensteuer? Nein! Sie verdient derzeit sogar deutlich besser.

03.07.2022 | von Vinzenz Neumaier

Quelle: imago images

Rolf Steinhäuser will nichts beschönigen: „Natürlich sind die Zahlen schlecht“, predigt der Kölner Weihbischof von der Kanzel des Doms zu dem versammelten Gläubigen. Viele sind es an diesem Abend Ende Juni nicht, die zum Hochfest der Apostel Petrus und Paulus in die Kirche gekommen sind. Nur auf knapp der Hälfte aller Bänke sitzen und beten an diesem Abend Kölner Katholiken - obwohl das Erzbistum an diesem Mittwoch Ende Juni das Patrozinium des Kölner Doms St. Petrus feiert.

Die Predigt des Kölner Weihbischofs endet. Zwei Domschweizer - Mitarbeiter in langen roten Roben- lassen den Klingelbeutel durch die Reihen wandern. Viele Besucher des Gottesdienstes werfen ein paar Münzen hinein. Ein Mann - rotes Hemd, rote Krawatte - steckt einen Geldschein in den Beutel.

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Wenige Besucher, aber gute Einnahmen. Die Kollekte im Kölner Dom könnte sinnbildlich für die aktuelle Situation der katholischen Kirche in Deutschland stehen. Jüngst verkündete die Kirche erneut Rekordzahlen an Austritten, die Schafe verlassen die Herde in Scharen. 2021 verließen etwa 360.000 Menschen die katholische Kirche in Deutschland. Viele Katholiken wollen für Schlampereien bei der Aufklärung von sexuellem Missbrauch und diverser Finanzskandale nicht auch noch Kirchensteuer löhnen.

Wird die Kirche also ärmer? Das könnte man meinen. Ist aber nicht so. Die Entwicklung läuft vielmehr in die entgegengesetzte Richtung. Die Einnahmen der katholischen Kirche aus Kirchensteuern haben sich im Zeitraum von 2010 bis 2020 von etwa 4,8 Milliarden Euro im Jahr 2010 auf knapp 6,5 Milliarden Euro im Jahr 2020 gesteigert. Für das Jahr 2021 haben noch nicht alle Bistümer ihren Jahresabschluss veröffentlicht. Der Grund für den Anstieg, trotz starken Rückgangs bei den Mitgliedern, könnte in guten konjunkturellen Einflüssen und positiven „Veränderungen der Erwerbstätigkeit“ liegen, meint etwa das Erzbistum Köln. Die durch Skandale gebeutelte Erzdiözese nahm 2020 etwa 650 Millionen Euro durch Kirchensteuern ein - 2010 waren es noch gut 100 Millionen Euro weniger pro Jahr.

Langfristiger Rückgang - auch beim Geld

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Auch beim Erzbistum Freiburg sieht die Lage düster aus: Zumindest bei den Mitgliedszahlen. 2021 verlor die katholische Kirche im Südwesten der Republik knapp 30.000 Mitglieder. „Statistisch beträgt der Rückgang der Kirchensteuer 450 Euro pro Austritt. Dies entspricht in der Summe rund 13,5 Millionen Euro“, heißt es aus dem Erzbistum Freiburg. Doch auch in Freiburg, Karlsruhe oder Mannheim dürfen sich Geistliche derzeit über mehr Geld freuen. Im Durchschnitt stiegen die Einnahmen des Erzbistums Freiburg in den vergangenen Jahren um knapp 17 Millionen Euro pro Jahr.

Weiter nördlich sieht die personelle Situation nicht besser aus. Im Bistum Münster haben sich die jährlichen Austrittszahlen seit 2010 mehr als verdoppelt. Aber: Die Diözese nimmt etwa 100 Millionen Euro pro Jahr mehr ein. Sogar im wenig katholischen Berlin verdient die Kirche deutlich mehr Geld durch Kirchensteuern als in der Vergangenheit – mittlerweile kommen jährlich mehr als 170 Millionen Euro für Berliner Priester zusammen.

Für die Zukunft rechnet die katholische Kirche allerdings mit einem weniger warmen Geldregen. Denn irgendwann werden die Austritte auch auf die Einnahmen aus den Kirchensteuern durchschlagen, heißt es. Das Erzbistum Berlin erläutert: „Aufgrund der zahlreichen Faktoren ist es seit Jahren zwingend notwendig, die mittel- und langfristige Finanzplanung auf einen Rückgang der Kirchensteuer auszurichten.“ Sparen ist also angesagt. Im Bistum Aachen hat man dazu bereits konkrete Prognosen vorgelegt: Bis zur Mitte des Jahrhunderts rechnet man dort, dass sich die Kirchensteuern halbieren werden. Derzeit verdient man allerdings noch knapp 270 Millionen Euro im Jahr.

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