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Herr Heil, retten Sie die Vertrauensarbeitszeit!

Hauke Reimer
Hauke Reimer Stellvertretender Chefredakteur WirtschaftsWoche

Bürokraten greifen in das Vertrags- und Vertrauensverhältnis von Unternehmen und Beschäftigten ein – zum Schaden der ganzen Volkswirtschaft. Eine Kolumne.

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Vertrauen ist der Anfang von allem: Die Deutsche Bank hat den Slogan nach Skandalen längst beerdigt. Und doch ist er richtig. Wenn ich meinem Gegenüber nicht traue, treibe ich keinen Handel mit ihm. Um Missverständnisse auszuschließen, kann ich mit ihm einen Vertrag aufsetzen: zu Bedingungen, mit denen wir beide einverstanden sind. Das ist Freiheit, Vertragsfreiheit. Der Staat kommt erst ins Spiel, wenn eine Seite den Vertrag bricht.

Dieses Prinzip, eine der Säulen der Marktwirtschaft, ist jetzt doppelt bedroht: Durch Eingriff des Staates in die Vertragsfreiheit und die Unterstellung, dass Vertrauen in bester realsozialistischer Manier der Kontrolle bedarf. Ausgehend von Brüsseler Regelungswut und stabilisiert durch Urteile der obersten Gerichte, geht es jetzt der Vertrauensarbeitszeit an den Kragen. Alle Arbeitnehmer sollen künftig nach Stechuhr arbeiten.

Die geschätzt 30 Prozent, die ohne Zeiterfassung auskommen, sollen alle Arbeitsstunden und Pausen dokumentieren. Weitere Freiheiten sind bedroht, etwa durch die dann automatische Überwachung der ununterbrochenen Ruhezeit von elf Stunden. Nachmittags Kinder betreuen und dafür noch mal von neun bis halb elf an den Schreibtisch? Geht nicht, wenn morgens um neun das erste Meeting startet.

Klar: Gesetze sind einzuhalten, und Vertragsfreiheit kann es nur geben, wenn beide Seiten ähnlich stark sind. Wir reden hier aber nicht von Fließbandarbeitern und alleinerziehenden Aldi-Kassiererinnen, sondern von privilegierten Menschen in geistigen, oft kreativen Berufen. Die können Arbeitszeit flexibel gestalten – und sich frei nehmen, wenn zu viele Überstunden auflaufen. Warum diese unbedingt regulieren – oft gegen ihren Willen?

Im März soll Arbeitsminister Hubertus Heil Konkretes zur Umsetzung der Regeln vorschlagen. In Österreich sind Arbeitnehmer, die ihre Arbeitszeit selbst organisieren, von der Reform ausgenommen. Ein Lichtblick. Es ist wie immer bei solchen Eingriffen: Softwareanbieter, Berater, Arbeitsrechtler, Kontrollfreaks in den Gewerkschaften freuen sich über neue Betätigungsfelder. Nur: Damit wird kein einziges Auto gebaut, keine Maschine mehr exportiert und kein Magen gefüllt – es ist unproduktive Selbstbeschäftigung.

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Das Recht des Staates, sich in Privates einzumischen, wird kaum noch hinterfragt – es geht nur um das Wie. Die Abschaffung der Vertrauensarbeit ist so gesehen nicht der Anfang von allem, aber der Anfang von vielem, was noch kommen dürfte.

Lesen Sie auch: Wieso die Vertrauensarbeitszeit besser ist als die Stechuhr

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