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(Vor)Schnelle Impfstoff-Zulassung
Wie war das damals bei der Schweinegrippe?

Die EMA will am 21. Dezember über den Biontech-Impfstoff entscheiden. Eine schnelle Zulassung ist sinnvoll und wünschenswert. Risiken und Nebenwirkungen können jedoch auftreten – wie ein zehn Jahre altes Beispiel zeigt.

15.12.2020 | von Jürgen Salz

November 2011: Der von den Bundesländern zentral eingelagerte spezielle Neue-Grippe-Impfstoff Pandemrix aus der Grippe-Saison 2009/2010 wird entsorgt.
Quelle: imago images

Die Bedrohung hieß damals H1N1, das Kürzel für Schweinegrippe. Pharmakonzerne entwickelten in Rekordzeit Impfstoffe, bauten noch Wirkverstärker ein, die Zulassungsbehörden beeilten sich. Unter anderem ließ die europäische Arzneibehörde EMA im Herbst 2009 das Mittel Pandemrix des britischen Herstellers GlaxoSmithKline zu. Vor allem skandinavische Länder deckten sich damit ein. Rund 30 Millionen Europäer ließen sich impfen.

Monate später dann der erste Verdacht: Geimpfte klagten über eine rätselhafte Schlafkrankheit, über Schlafattacken am helllichten Tag und erschlaffende Muskeln. Einige Mediziner kritisierten, dass der Impfstoff unzureichend getestet worden sei – nämlich ausschließlich an gesunden Probanden. Später stellten Studien einen Zusammenhang zum Impfstoff Pandemrix her: Das Mittel könne Narkolepsie, eine unheilbare neurologische Krankheit auslösen. Mehr als tausend Impfpatienten waren betroffen – vor allem in Schweden, Finnland, Norwegen und Irland.

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  Pandemrix ist längst vom Markt verschwunden. Mittlerweile erscheint sogar fraglich, ob eine Impfung damals wirklich nötig war. Schließlich verlief die Schweinegrippe deutlich milder als das aggressive Coronavirus. Die damalige Erfahrung erklärt, wie wichtig eine möglichst gründliche Prüfung ist und warum sich die EMA bei den Corona-Impfstoffen etwas mehr Zeit nimmt als ihre britischen und amerikanischen Kollegen.

Klaus Cichutek, der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), das in Deutschland über die Zulassung von Impfstoffen entscheidet, kann sich noch gut an die Pandemrix-Zeit erinnern. „So etwas ist nie völlig auszuschließen“, sagte Cichutek vor einigen Wochen gegenüber der „taz“. „Es gibt in keinem Bereich unseres Lebens hundertprozentige Sicherheit.“ Impfstoffe gehörten zu den sichersten und am besten getesteten Arzneimitteln überhaupt, so der PEI-Präsident.

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Aber hätte das Narkolepsie-Risiko bei Pandemrix der EMA damals auffallen können? Darüber streiten sich die Mediziner noch. Tatsächlich werden viele Nebenwirkungen erst offenbar, wenn die Impfstoffe nicht nur – wie in den klinischen Tests – an Hunderten oder Tausenden Probanden getestet werden, sondern in der Praxis an Zehntausenden Patienten. Mittlerweile gibt es Hinweise, dass eine bestimmte genetische Disposition der Patienten die Entstehung der Narkolepsie begünstigt hat.

Die gute Nachricht: Die neuen Corona-Impfstoffe von Biontech, Moderna und AstraZeneca sind trotz der Kürze der Zeit sehr umfangreich getestet worden, an mehreren Zehntausend Probanden. Das Gros der Mediziner hält die Wirkung und die Sicherheit der neuen Impfstoffe für überzeugend. Auch Ältere vertrugen den Impfstoff gut. Es fehlt aber noch an Daten, etwa für Schwangere und Kinder. Und über die Langzeitfolgen der Impfstoffe lässt sich nichts sagen – dafür hätte der Zulassungsprozess Jahre dauern müssen. Die Impf-Probanden, die an den klinischen Studien teilgenommen haben, bleiben daher unter Beobachtung.  

Mehr zum Thema:  Kann Deutschland doch noch vor Weihnachten mit dem Impfen beginnen?

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