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Fotounternehmen Getty über KI
„Unsere Kunden legen großen Wert auf authentische Inhalte“

Getty Images verwaltet eine der weltweit größten Sammlungen von Stockfotos - und ist durch KI massiv in seiner Existenz bedroht. CEO Craig Peters hofft nun auf eine Kooperation mit Nvidia.

25.09.2023 | von Matthias Hohensee

Quelle: Getty Images

Das Unternehmen Getty Images lebt davon, Stockfotos, redaktionelle Fotografien, Musik und Videomaterial gegen Lizenzgebühren weiterzugeben. Doch die Geschäfte laufen mau: Im vergangenen Jahr setzte das US-Unternehmen 962 Millionen Dollar um und verlor 77 Millionen Dollar dabei. Es könnte noch schlimmer kommen: Denn bildgenerierende KI schafft genau jenes Material, auf dem Gettys Geschäft beruht. CEO Craig Peters schildert nun, wie er selbst über KI denkt, wie dreist die Kopien zum Teil sind, gegen die er sich wehren muss - und auf welche Weise eine neue Kooperation mit Nvidia nun den Erfolg zu Getty zurückbringen soll.

WirtschaftsWoche: Herr Peters, alle Welt redet über generative Künstliche Intelligenz, über das Erzeugen von Bildern über Text, mit teils provokanten Inhalten wie dem Papst in einer weißen Balenciaga Daunenjacke. Ist generative KI eine Bedrohung für Ihr Lizenzgeschäft mit Inhalten?
Craig Peters: Nein, wir sehen sie als Chance, als zusätzlichen Nutzen für unsere Kunden, der sich von unserem klassischen Angebot klar unterscheidet. Wir sehen den Einsatz von KI positiv, sind allerdings grundsätzlich der Meinung, dass es nicht möglich sein sollte, unsere Inhalte ohne unsere Erlaubnis zu verwenden, damit Modelle zu trainieren und auch noch einen konkurrierenden Dienst zu starten. Deshalb haben wir Stability AI (das den populären Bilderzeugungsdienst Stable Diffusion betreibt, Anm.d.Red.) verklagt.

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Im zweiten Quartal ist Ihr Umsatz - bereinigt um Währungsschwankungen - um 2,3 Prozent zurückgegangen. Liegt das am Wettbewerb mit generativer KI?
Nein, das sind makroökonomische Faktoren, vor allem auch in Deutschland. Auch der Autoren- und Schauspielerstreik in den USA hat sich negativ auf das Ergebnis ausgewirkt.

Sie starten jetzt ein eigenes Werkzeug für das Generieren von Bildern über Künstliche Intelligenz. Wie unterscheidet es sich von anderen Angeboten im Markt, warum sollte man es benutzen?
Erstens haben wir keine Inhalte von anderen gestohlen, um den Service in Zusammenarbeit mit Nvidia aufzubauen. Wir kompensieren die Kreativen dahinter. Zweitens werden keine Inhalte erzeugt, die Marken anderer ähneln. Wir verletzen nicht das geistige Eigentum von Dritten. Das macht dann drittens den Einsatz der damit erzeugten Inhalte kommerziell sicher. Mein vierter Punkt ist, dass unser Angebot keine Deepfakes erzeugt, die verwirren oder Leute verunsichern. Also keine Bilder vom brennenden Pentagon etwa oder dem Papst in einer Balenciaga-Jacke. All das ergibt ein kommerziell sicheres Produkt für Unternehmen.

Wie hoch wird die Kompensation von Künstlern und Fotografen sein, welches Geschäftsmodell steckt dahinter?
Es wird ein Prozentsatz vom Verkauf sein.

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Wird die Summe auch signifikant genug für die Kreativen sein?
Momentan haben wir zum Start natürlich null Einnahmen. Aber wir gehen davon aus, dass es ein bedeutender Posten werden kann, weil es wiederkehrende Umsätze sind. Je mehr wir damit einnehmen, umso stärker werden unsere Autoren und Mitwirkenden daran beteiligt. Ich denke schon, dass die Summen signifikant sein könnten.

Wem gehört das Material, das durch die Eingaben der Nutzer erzeugt wird?
Das ist eine gute Frage. Das Gesetz ist hier nicht eindeutig. In den USA hat das US Copyright Office erklärt, dass es nicht urheberrechtsfähig ist. Wir stellen diese Inhalte mit einer Lizenz für den Endnutzer bereit. Aber wir übertragen nicht das Urheberrecht, weil wir das nicht können. Es liegt nicht in unserem Ermessen. Aber wir stehen als Anbieter dahinter, dass unsere Kunden die so erzeugten Inhalten nutzen können.

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Wenn ich als Kunde über Ihren KI-Service Bilder erzeuge, werden die dann in die offizielle Getty Images Bibliothek mit aufgenommen?
Nein, im Gegensatz zu Wettbewerbern werden wir das nicht tun. Denn Sie haben ja mit ihren Beschreibungen des gewünschten Motivs dabei geholfen, den Inhalt zu erstellen. Dazu kommt noch die Arbeit von anderen, von den Kreativen, aber auch von uns und Nvidia beim Erstellen des Modells. Ein weiterer sehr wichtiger Aspekt ist die Authentizität unserer Kreativbibliothek, die wir sicherstellen müssen. Um nicht falsch verstanden zu werden, ich finde die Möglichkeiten von generativer KI großartig. Aber man sollte authentisches Material nicht mit von KI erzeugten Inhalten vermischen.

Werden Sie von KI erzeugte Inhalte markieren?
Es steht in den Metadaten der Datei. Das ist keine befriedigende Lösung. Wir hoffen, dass wir es gemeinsam mit der Technologiebranche und anderen Beteiligten schaffen, dort echte Standards zu etablieren, mit denen sich generative Inhalte besser verfolgen lassen.

Wie werden Sie Ihr KI-Produkt weiter entwickeln?
Wir werden im vierten Quartal oder Anfang nächsten Jahres anbieten, dass Kunden Modelle spezifisch trainieren können, was es aus einer Markenperspektive interessant macht. Ein Beispiel: Wenn man heute mit unserem Modell ein Motiv mit Turnschuhen erzeugen will, wird das generisch sein, also keine Marken beinhalten. So haben wir das Modell schließlich entwickelt. Wenn nun aber ein Markeninhaber wie Nike - wobei das nur ein theoretisches Beispiel ist - von künstlicher Intelligenz erzeugte Bilder von Produkten mit seinem Logo haben will, kann man das über solche speziell für diesen Kunden trainierten Modelle machen.

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Werden die über generative KI erzeugten Werke günstiger sein als traditionelle Fotografie?
Das lässt sich schwer vergleichen, weil es unterschiedliche Produkte sind. Bei der KI hängt es einmal davon ab, wie gut die Ergebnisse sind, die man erhält. Und dann bezahlt man pro Abfrage. Je mehr Abfragen man einkauft, desto günstiger wird es.

Wie sehen Sie die Auswirkungen der generativen KI auf Ihre Branche? Wird sie zu Jobverlusten bei Fotografen und Künstlern führen?
Ich denke, so wie wir es jetzt bei Getty Images aufbauen, ist es sowohl für unserer Unternehmen als auch unsere Kreativen vorteilhaft. Wir nutzen die Vorteile von generativer KI, beteiligen aber auch diejenigen, auf deren Arbeit sie fußt. Unsere Kunden legen weiterhin großen Wert auf authentische Inhalte. Ich kann da natürlich nicht für alle sprechen und schon gar nicht für andere Branchen.

Was erwarten Sie von der Regulierung von KI?
Dass urheberrechtlich geschütztes Material auch bei generativer KI nicht einfach gestohlen werden kann. Außerdem Transparenz, ob es sich um von KI erzeugtes Material handelt. Wir erwarten, dass zwingend das Einverständnis eingeholt werden muss, wenn Material zum Trainieren herangezogen wird. Und dann auch klargemacht wird, welche Inhalte das genau sind. Es sollte das Recht eingeräumt werden, dass sich Medienunternehmen zusammenschließen können, um die Preise für das Nutzen ihrer Inhalte zu verhandeln. Schließlich erwarten wir, dass die Anbieter von KI-Modellen nicht einfach so generell von der Haftung für die erzeugten Inhalte freigestellt werden. Sonst gibt es keine Anreize, dort verantwortlich zu handeln, ganz im Gegenteil.

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